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Menstruation unter erschwerten Bedingungen. Interview mit arche noVa zum Menstrual Hygiene Day

Menstruation unter erschwerten Bedingungen - Interview mit Arche Nova zum Menstrual Hygiene Day

Weltweit haben rund 630 Millionen Frauen und Mädchen keinen Zugang zu einer sicheren Toilette. Das ist ein riesiges Problem, vor allem während der Menstruation. Es fehlt an Hygieneartikeln, Zugang zu sauberem Wasser und Seife. In vielen Ländern müssen sich Frauen und Mädchen mit Stoffresten, Papier, Pflanzenblättern oder Plastik behelfen. Aus Scham verstecken sie die ausgewaschenen Hilfsmittel. Eine Organisation, die sich diesem Problem angenommen hat, ist der Dresdner Verein arche noVa. Im Interview mit Dana Ritzmann, Leiterin für Kommunikation und Presse, wollten wir wissen, wie Frauen und Mädchen ihre Menstruation managen, wenn sie keinen Zugang zu einer Toilette haben. Mit welchen Problemen sind sie konfrontiert? Mit welchen Projekten und Maßnahmen arche noVa hilft, die Situation vor Ort zu verbessern und wie du den Verein dabei unterstützen kannst, erfährst du in diesem Blogbeitrag. 



Dana, Du bist Mitarbeiterin bei arche noVa. Um was geht es bei der Organisation?

arche noVa ist eine humanitäre Organisation aus Dresden, die sich seit fast 30 Jahren in der Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit engagiert. Unser Fokus ist WASH, das sind Projekte, die mit Wasser, Sanitär und Hygiene zu tun haben. Kurz gesagt geht es uns darum, dass jeder Mensch, egal wo er lebt und unter welchen Umständen, Zugang zu sauberem Wasser hat und zu einer adäquaten Toilette. Neben unseren Auslandsprojekten sind wir als Organisation auch in der Bildung für nachhaltige Entwicklung sehr aktiv. Wir sensibilisieren Menschen für globale Zusammenhänge und Nachhaltigkeitsthemen und geben ihnen mit Wissen die Chance, im Sinne einer gerechteren Welt zu agieren.

 

arche noVa ist mit seinen Wasserprojekten weltweit aktiv. Welches davon ist dir besonders wichtig?

Was mir vor allem am Herzen liegt,  ist die Tatsache, dass Menschen in schwierigen Situationen, in die sie unverschuldet gekommen sind oder in denen sie sich selbst nicht helfen können, unbedingte Unterstützung finden. Wir können nicht immer allen helfen, aber arche noVa ist mit seinen Projekten oft da, wo sonst keiner hinschaut. Wir verteilen Wasser und Lebensmittel an Geflüchtete in Idlib – wenn ich da mit unserem Büroleiter über die Situation vor Ort spreche, fühle ich mich furchtbar hilflos. Aber indem ich darüber berichte, Medien für das Thema interessiere und Unterstützer mobilisiere, die Menschen in Syrien nicht ganz zu vergessen oder für Nothilfe zu spenden, bewirke ich etwas.

Manchmal habe ich auch Gelegenheit mir selbst ein Bild vor Ort zu machen. So war ich im Januar in Rahmen einer Monitoringreise in Kenia. arche noVa ist schon seit vielen Jahren gemeinsam mit einer lokalen Partnerorganisation in der Dürreregion Machakos aktiv und ich hatte schon viel über das Thema Sanddämme gehört und gelesen. Dass dann aber mit eigenen Augen zu sehen, war sehr eindrücklich – zu erleben, mit welchem Engagement eine Dorfgemeinschaft solch ein Bauwerk errichtet, bei 35 Grad im Schatten oder bei Wolkenbruch über Wochen – nur damit möglichst viele kürzere Wege zum Wasser oder eben überhaupt Zugang zu Wasser haben. Und dabei kommt das Wasser dann ja noch immer nicht aus dem Hahn, wie bei uns, sondern der Weg zur Pumpe dauert mit unserem Projekt nur noch 20 Minuten statt zwei Stunden zum Fluss, der nicht mal Trinkwasser bietet. Eine meiner kenianischen Kolleginnen kommt selbst aus der Gegend und weiß noch, wie sie als Kind nach der Schule Wasserkanister schleppen musste. Das ist in Nairobi, wo sie jetzt wohnt, natürlich anders, aber viele Menschen leben eben auf dem Land unter einfachsten Bedingungen. Ich wollte mir alles genau ansehen und war unterwegs froh, wenn die Kolleginnen genau wussten, in welchem der Projekte Latrinen gebaut wurden – und was für eine Freude, wenn davor sogar eine Handwaschstation mit selbstgemachter Seife  steht. Und das war vor Corona. Ich war damals drei Tage mit drei Frauen unterwegs und habe sehr viel über deren Perspektive auf das Leben in Ostafrika gelernt, von Alltagssorgen über Kindererziehung und Schule bis zu Berufswahl und Gesundheit. Wir kamen auch auf das Thema Menstruationshygiene zu sprechen, weil das in unseren WASH-Projekten immer wieder anklingt und wir uns einig waren, dass wir da noch viel aktiver tätig werden müssen.

 

Wie managen Mädchen und Frauen ihre Menstruation, wenn sie keinen Zugang zu einer Toilette haben? Mit welchen Problemen sind sie konfrontiert?

Zuerst muss man natürlich sagen, dass das Thema in Kenia noch viel mehr tabuisiert ist, als in unserer aufgeklärten Welt. Dass ich mich also so offen mit den Kolleginnen darüber unterhalten konnte und die Gespräche sogar mit dem Handy aufzeichnen durfte, hatte viel damit zu tun, dass wir vorher einiges an Zeit in unwegsamer Gegend miteinander verbracht hatten – und dass wir natürlich alle auch professionell in dem Kontext verortet sind und jobmäßig damit zu tun haben.

Mich hat beeindruckt, dass eine Kollegin erzählte, dass sie immer, wenn sie weiß, sie fährt ins Projektgebiet, vorher in Nairobi im Supermarkt Binden kauft und diese dann mitnimmt. Klar, dass ich das nicht mitbekommen habe, wie sie diese „verteilt“, das läuft ganz diskret. Die Mädchen wissen das schon. Das ist toll, aber natürlich nur punktuell wirksam. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Ganz oft haben Mädchen nichts adäquates, um die Blutung zu stoppen. Sie nehmen dann, was sie finden – alte Lappen, Blätter und das ist natürlich nicht hygienisch und sogar gefährlich. Manche gehen auch einfach während ihrer Tage nicht aus dem Haus, einfach weil sie sich nicht entsprechend versorgen können. Den Mythos, dass Frauen eine Woche lang über einem Loch in ihrer Hütte hocken, während der Menstruation, wollte selbst die Kollegin, die mir davon erzählte, nicht glauben. Andererseits ist das eine sichere Option, wenn man weder Wechselunterwäsche noch Einlagen hat. Und das bedeutet dann auch oft, dass Mädchen in dieser Zeit nicht in die Schule gehen können, nicht zum Wasser holen und damit extrem isoliert werden. Dazu kommt oft noch Unwissenheit, Scham, Schuldgefühle. Das belastet natürlich. Wie gesagt, in den Städten ist das nicht so ein Thema und „nur“ eine Frage des Geldes, ob und welche Hygieneprodukte frau sich kaufen kann.

Ich habe allerdings weder gefragt noch danach geschaut, ob es in Kenia zum Bespiel Tampons gibt. Ich weiß aus der arabischen Welt, dass das besonders für westliche Expats oder Studierende ein großes Thema ist. Der Hintergrund ist kulturell - Tampons würden die Jungfräulichkeit gefährden und sind deshalb Tabu. Aus diesem Grund werden sie nicht verkauft, sie würden ja kaum Abnehmerinnen finden. Das sollte man wissen, wenn man z.B. mal länger in Jordanien oder Ägypten lebt. Wie das in Kenia ist, muss ich dann beim nächsten Mal fragen. Aber das ist ja in Zeiten von Corona leider in sehr weite Ferne gerückt. Und solch delikate Themen diskutieren sich schwerlich via Videotelefonie.


Mit welchen Projekten unterstützt ihr Frauen und Mädchen vor Ort, was beinhaltet eure Arbeit?

Die Projekte sind sehr vielfältig. Im Kontext WASH ist Sanitär und Hygiene neben Wasser meist mit dabei. Dabei fokussieren wir immer auch auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen. So haben wir in Somalia gerade spezielle Mädchentoiletten an Schulen gebaut, die integrierte Waschbecken und Trockenständer für die auswaschbaren Binden haben sowie Mülleimer für Wegwerfprodukte. Außerdem wurden dort Lehrkräfte zu Hygienetrainer*innen weitergebildet, die regelmäßig Schulungen zu Menstruation, Hygienepraktiken und zu Gesundheitsvorsorge durchführen. Wichtig ist, dass die Mädchen wissen, was mit ihrem Körper passiert, dass das ein normaler biologischer Vorgang ist, dass die Regelblutung sogar ein Zeichen von reproduktiver Gesundheit ist. Denn wo Wissen ist, haben Vorurteile und Falschinformationen weniger Chancen. Das Tabu brechen zu wollen, ist vermutlich ein Anspruch, den man gar nicht haben sollte. Aber das Thema anzusprechen, zu thematisieren, dass es kein Frauenproblem ist, und dass es viele Unterstützer*innen braucht, um Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit global herzustellen - das ist uns ein Anliegen.

 

Welche Projekte sind in Zukunft geplant und wie kann man euch dabei unterstützen?

Im Moment ist Hygiene ja ein relevantes Thema, das zwangsläufig sehr viel mit Wasser zu tun hat. Da bleibt viel zu tun, denn Perioden machen vor der Pandemie nicht halt. Deshalb ist der Satz auch zum Slogan des diesjährigen Menstrual Hygiene Day geworden, auf Englisch klingt es noch besser: Periodics don’t stop for Pandemics. Das Thema Menstruationshygiene darf auch in Krisenzeiten nicht vergessen werden. In unseren weltweiten WASH-Projekten haben wir das Thema immer auf dem Schirm, brauchen aber auch die entsprechende Finanzierung. Dann bauen wir gerne geschlechtergetrennte Toiletten mit Waschbecken und Mülleimern und ermöglichen die Verteilung von Hygienekits mit Seife, Binden und Unterwäsche. Und wir kümmern uns natürlich um Bildung und Aufklärung an Schulen. 

 

Bei meinem Besuch in Kenia hat mich die Kollegin von unserer Partnerorganisation ASDF regelrecht mitgerissen. Sie sagte, jetzt sei genau der richtige Zeitpunkt, in den Gemeinden und Selbsthilfegruppen das Thema Menstruationshygiene anzugehen, denn seit dem arche noVa-Projekt sei Wasser verfügbar. Und Wasser ist die Grundvoraussetzung, dass sich Dinge ändern. In Haushalten, wo Wasser knapp ist, sind blutige Binden, das letzte, wofür das kostbare Nass genutzt wird. Wichtiger ist, dass getrunken, gekocht, abgewaschen und die Kleidung gesäubert wird. Blutige Lappen werden da eher nicht gewaschen, ganz zu schweigen davon, dass man sie auch noch irgendwo diskret trocknen muss. Gemeinsam haben wir also überlegt, dass man – jetzt da es Wasser gibt -  die Kompetenzen der Frauen und Mädchen fördern könnte, sich nachhaltige Monatshygiene selbst zu nähen und zu lernen, wie man sie richtig pflegt. Wichtig ist auch, dass diese Binden im gebrauchten Zustand hygienisch verstaubar sein müssen, denn noch immer hat nicht jede Schule eine Waschgelegenheit für Mädchen. Man müsste sie also gut zusammenpacken können, um sie später auszukochen. Natürlich gibt es in Nairobi auch schon solche innovativen Produkte, schick in rosa mit Druckknopf, aber die sind praktisch unerschwinglich und damit für die Mädchen in Machakos County nicht existent. Hier ein gemeinsames Projekt aufzulegen, vielleicht sogar mit Dresdner Unterstützung, das wäre großartig.

 

Vielen Dank, dass du dir für dieses Interview für uns Zeit genommen hast, Dana!

 

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https://arche-nova.org/mhday2020